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PoetrySlam Reformation 2017


Mitten in der Nacht aufgewacht.
Die Unterlage ist hart und kalt.
Die Überreste des gestrigen Sturms ziehen mir um die Nieren. 
Mich fröstelt.
Noch nicht ganz bei mir, spüre ich,
wie sich meine Haut langsam 
durch die Rillen meiner Unterlage drückt. 
Ich komme mir vor, 
wie auf einem sehr stumpfen Eierschneider 
(diese harfenartigen Geräte, 
mit denen man hartgekochte Eier 
in gleichmäßige Scheiben schneiden kann). 
Ich sehe mich schon langsam durch die Rillen tropfen.
Doch das ist noch gar nicht der Grund meines Erwachens.
Ich spüre Fell in meinem Gesicht 
und es ist nicht mein eigenes.
Immer noch schlaftrunken stelle ich fest: 
Eine Katze sitzt mir im Gesicht und schnurrt.
Warme Vibrationen breiten sich aus. 
Gut möglich, dass irgendwann des nachts 
Vibration zu Vibration kam und sie mein – 
sagen wir: sanftes – Schnarchen angezogen hat.
Sie hat es sich bequem gemacht.
Von mir, meiner Person 
und allen meinen Regungen bleibt sie unbeeindruckt.
Eine Pfote weilt mit leichtem Druck 
schon eher in meinem Auge als darauf. 
Eine andere hakt sich allmählich in meine Wange ein. 
Zum Glück ist es nicht umgekehrt.
Ihr Bauch drückt schwer auf meine Lippen.
Sie scheint Gefallen daran zu finden. 
Ich kann mir ihr zufriedenes Grinsen gut vorstellen.
Ein kleiner Streuner hat es sich bequem gemacht.
Ich selbst, weiß noch nicht genau, wie gut ich es finde, 
dass mein Gesicht als Hängematte dient.
Zumal mir die Fellhaare mittlerweile weit in meine Nase ragen.
Nur wenige Sekunden noch und ich werde so heftig niesen, 
dass der Streuner mindestens kurz abhebt.
Ein Schmunzeln kommt mir über die Lippen.
Unwillkürlich öffnet sich mein Mund und ich muss lachen.
Das ist nun alles andere als günstig.  
Jetzt habe ich im wahrsten Sinne des Wortes Haare auf den Zähnen.
Ich bemühe mich, die Katze oder den Kater – 
den Streuner – sanft wegzudrücken.
Er will nicht. 
Sein Aufbäumen gegen mein Bemühen wird spürbar.
Die Kralle, die an meiner Wange hakte, 
spießt nun ausgefahren und schmerzhaft hinein.
Ich beiße die Zähne zusammen 
und beiße dabei beinahe in seinen Bauch.
Jetzt befindet sich alles Fell, das vorher noch auf meinen Lippen 
und Zähnen weilte, zwischen meinen Zähnen, 
was es dem Streuner unmöglich macht, sich zu bewegen.
Die Situation ist ziemlich festgefahren.
So verharren wir eine Weile: 
Ich wie der Fisch am Haken und er wohl wie die Maus, 
die er vielleicht kürzlich gefangen hat.
Ich muss daran denken, wie jemand beim Versuch 
etwas aus einem Süßigkeitenautomaten zu fischen, die Ware nicht loslassen will und stecken bleibt.
Vielleicht hat sich der Streuner das auch gedacht – denn als wären wir überein gekommen: 
lockere ich den Biss meiner Zähne ein wenig 
und er zieht die Kralle langsam zurück.
Wir geben beide ein bisschen nach und er bewegt sich – 
ich habe trotzdem den Eindruck, dass er das eher mürrisch tut.
Langsam bequemt er sich von meinem Gesicht.
Ich richte mich auf 
und er tritt sich mit leicht ausgefahrenen Krallen sanft ein weiches Bettchen in meinen Schoß.  
Ich lasse ihn und schaue mich um. 
Ich sitze am Rande eines einsamen Spielplatzes
inmitten eines kleinen Wohngebietes auf einer Parkbank. 
Mitten in der Nacht. 
Zu meiner Linken lehnen zwei große Plastiktüten an der Bank. 
Sie scheinen zu mir zu gehören.
Ich sehe an mir herunter. 
Meine Kleidung hat ziemlich gelitten. 
Die Steppjacke, die mich wärmt, ist voller Flecken. 
Meine Hose ist zu kurz und meine Schuhe haben Löcher.
Noch vor wenigen Stunden war das anders – 
da bin ich sicher.
Immerhin sind offenbar drei Paar Socken in den Schuhen. 
Zumindest sind auch die Füße warm.
Ich überlege. 
Das Schnurren des Streuners ist die Musik, 
die das Schweifen meiner Gedanken begleitet.
Während ich so sinne und mich zurücklehne, 
fällt mein Blick auf den Mülleimer zu meiner rechten. 
Er ist prall gefüllt. 
Obenauf glänzt ein Stück Silberpapier 
im Licht der entfernten Straßenlaterne. 
Ich schmecke einen Hauch von Zwiebeln 
in meinem Atem und kombiniere: 
Ja, ich muss wohl heute Nacht noch Döner gehabt haben. 
Aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. 
Ich weiß noch, dass ich gestern an meinem Schreibtisch saß. 
Dann wird es dunkel – auch in meiner Erinnerung.

Als der Morgen graut, 
werden Motorengeräusche laut.
Das Konzert der Spatzen verklingt 
und ich frage mich, was dieser Tag wohl bringt.
Erste Menschen bevölkern Gehwege.
Kommen sich noch nicht ins Gehege – 
was sie doch so gerne tun.
Und nun, nun ist auch meine Zeit.
Ich mache mich bereit, beuge mich vor, 
um die Tüten zu fassen – 
für einen Moment will der Streuner nicht lassen.
Ich weiß gut, dass er nicht will. 
Ich zögere still – er verlässt das weiche Bett 
und ich mache mich auf – auf in des Tages Lauf.

Wohin weiß ich noch nicht. 
Meine Tage sind ohne Pflicht.
Ich habe nur des Tages Licht 
und keinen Mensch, der zu mir spricht.
Ich suche nicht.
Ich finde. 
Und ich sage gelinde:
Jeder Tag kotzt mich an 
und ich weiß nicht woran
ich mich halten kann 
und ich frage auch nicht mehr wann
sich wohl alles ändern werde. 
Ich – bin kein Gast auf dieser Erde.
Ich durfte schon lange nirgendwo mehr sein 
und ein Gedanke wird mir mehr und mehr zur Pein:
jetzt, da die Tage kälter sind – 
ach was wünschte ich Obdach bei Esel und Rind;
da die Zugvögel gen Süden sind – 
ich aber keine Flügel find'.
Ich finde – Reste von Döner auf dem Asphalt; 
leere Flaschen sind mein Gehalt;
die Menschen meiden meine Gestalt 
und meine letzten Worte – sind lange verhallt.
Ich finde – 
vieles, von dem ich denke, ich könnte es brauchen;
manchmal etwas zu rauchen.
Ich finde – 
und dann nehme ich es vom Wege 
und lege es sacht in eine meiner Taschen.
Bei allen anderen fällt es durch die Maschen – 
das, was keiner mehr braucht 
und keiner mehr haben will – das nehme ich an. 
Auch wenn ich sonst nichts mehr kann, 
kann ich noch tragen.
Ich will nicht verzagen – 
ich will nur spüren, dass ich am Leben bin; 
alles andere nehme ich hin.
Das ist all mein Sinnen und Sinn, 
dass ich einmal noch Mensch unter Menschen bin.

Hinter meinem Haus 
lebte in diesem Sommer eine Streunerin.
Ich hatte sie tatsächlich im Auge.
Oft habe ich sie gesehen.
Oft bin ich an ihr vorübergegangen.  
Oft habe ich gedacht: 
Eigentlich würde ich dich gern einladen. 
Dir eine Dusche, etwas essbares und ein Bett bieten.
Was mich jedes Mal gehindert hat?

Ich weiß es nicht.


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