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Predigt zu 1. Kor 7, 29-31



Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater
und dem Herrn Jesus Christus. 
Amen.


1. Korinther 7, 29-31
29b Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; 
30
 und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; 
und die kaufen, als behielten sie es nicht; 
31
 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Möge dieses Wort des Paulus an die Korinther heute auch ein Wort des Herrn für uns, unser Wesen und unser Leben sein. Das gebe Gott. Amen.

Am Anfang – ganz am Anfang – ehe es irgendetwas gab – an diesem Anfang – vor aller Zeit, da gab es nichts – gar nichts – nichts Benennbares jedenfalls, weil noch nichts benannt war. Und dann, dann schuf Gott etwas – etwas, das er benannte – plötzlich war da etwas und nicht mehr nichts.
Wenn Gott nicht wäre, dann gäbe es nichts – zumindest nichts nennenswertes, das einen Unterschied machte.
Gott aber macht einen Unterschied.

Und Gott unterschied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. 
Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
Gott macht einen Unterschied – von Anfang an.

Und Gott sah, dass alles, was sich von ihm unterschied, doch noch keinen Unterschied machte; 
denn als es nichts gab und als es dann etwas gab, gab es doch nur Gott, der sich von Nichts und den Dingen unterschied, 
doch es gab niemanden, der sich von Gott unterschied.
Wo es niemanden gibt, der sich von mir unterscheidet, dort ist es sehr einsam. Dort gibt es kein Ich und kein Du.

Also sprach Gott: Lasst uns Menschen machen. 
Nach meinem Bilde – sie sollen mir ähnlich sein, damit auch sie sich von mir unterscheiden können. 
Damit sie einen Unterschied machen. 
Damit wir Ich und Du sagen können.
Und als er den ersten Menschen geschaffen hatte, 
sah er, dass es dem Menschen ebenso ging wie ihm selbst 
– ohne Unterschiede wird es öde und einsam in der Welt.

Also sprach Gott: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei 
– und er meinte damit den Menschen, den er geschaffen hatte und sich selbst. 

Ob dem ersten Menschen das klar war? 
Ob uns das heute klar ist?

Aber es ist eine heikle Angelegenheit mit den Unterschieden. 
Denn wo die Unterschiede bestehe bleiben, da bleibt auch die Einsamkeit. 
Nur, wenn die Unterschiede überwunden werden, 
dann überwindet das auch die Einsamkeit.
Aber es braucht vorher den Unterschied. 
Wir müssen erst Ich und Du sagen, um irgendwann Wir sagen zu können.

Und Gott machte noch einen anderen Menschen, 
damit der Mensch nicht allein sei.

Wenn Gott nicht wäre, dann gäbe es nichts
– zumindest nichts nennenswertes, das einen Unterschied machte.
Gott aber macht einen Unterschied.

Und nach all den Unterschieden, begann Gott, zu verbinden, 
was er geschaffen hatte. 
Nach den Unterschieden, sollte das Überwinden der Unterschiede kommen
– das Überwinden des Unterschieds zwischen Mann und Frau, 
indem sie sich verbinden; 
das Überwinden der Unterschiede zwischen Mensch und Mensch, 
indem sie sich verbinden; 
das Überwinden der Unterschiede zwischen Mensch und Gott, 
indem sie sich verbinden – indem sie einen Bund machen.

Von nun an sollten die Menschen die Erfahrung machen, 
wie es sein kann, gemeinsam durch das Leben zu gehen. 
Und sie sollten diese Erfahrung auf alles beziehen, was ihnen begegnet
– auch auf Gott, der ihnen Tag für Tag, 
zu jeder Zeit und in allen Dingen begegnete.

Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.
Die Unterschiede, die Gott überwunden hat, 
die soll der Mensch nicht unterscheiden.

Aber der Mensch hört nicht auf zu unterscheiden. 
Bis heute nicht. 
Immer wieder macht er einen Unterschied zwischen Mensch und Mensch 
und verbaut sich damit selbst den Weg zu einer Welt, 
wie Gott sie einmal gemeint hatte; 
und verbaut sich damit selbst den Weg zu der Erfahrung, 
die Gott uns einmal zugedacht hatte.
Selbst als Gott den Unterschied zwischen sich und den Menschen überwand 
und Mensch wurde, mühen sich die Menschen weiter und weiter um Mauern 
und Gräben, nicht um Tore und Brücken.

Gott aber macht einen Unterschied. 
Er müht sich um Tore und Brücken, nicht um Mauern und Gräben.
Und wo wir nicht üben, die Unterschiede zu überwinden, 
dort lernen wir nichts über den Weg zu Gott.
Denn der einzige Weg zu Gott ist der, der über Brücken geht; 
der über Unterschiede hinweggeht 
– nicht, indem er sie nicht achtet, sondern indem er sie überwindet.

Deine Zeit ist kurz Mensch!
Also lebe, als hättest du niemanden. 
Wenn du eine Frau hast, lebe so, als hättest du keine. 
Wenn du weinen musst, dann vergiss das Weinen; 
und wenn du lachen musst, vergiss das Lachen. 
Lebe, als gäbe es kein Weinen und kein Lachen. 
Und lass alle deine Besitztümer gleich wertlos sein. 
Wenn du Neues hinzufügst, lass es den gleichen Wert haben wie das andere – nämlich keinen. 
Und überhaupt, lass die ganze Welt 
und alles was in ihr ist für dich unbedeutend werden.
Deine Zeit ist kurz Mensch! Was bleibt dir?

Können Sie sich das vorstellen?
Ich nicht. 
Wo alles egal, also gleich ist, gibt es keine Unterschiede mehr. 
Wie sollte ein Mensch da lernen, die Unterschiede zu überwinden?
Paulus, der diesen ersten Brief an die Korinther schrieb, 
er muss da etwas falsch verstanden haben, oder!?

Paulus sagt: Die Zeit ist kurz. 
Damit hat er schonmal recht 
– unser Leben, seien es 7 oder 70 oder 117 Jahre, ist nur eine kurze Frist.

Darum erlauben Sie mir ein Wort...
An alle Sekunden, Stunden, Tage und Jahre, die wir leben,
an alle Swatch-Uhren, Smartwatches und Tick-Tack-Zeiger,
an alle Zeitfresser und Zeitmitesser,
an alle Navigationssysteme und Ankunftsprognosen,
an alle gefühlten Ewigkeiten-Zeiten und kurzen Posen,
an alle High-Speed-Internet-Zugänge
und „ey-nur-mal-kurz“-Anfänge,
an alle Smalltalk- und 5-Minuten Gespräche,
die sich wie Tage zogen
an alle kurzen Worte, die wie Jahre wogen:
Ihr alle seid nicht festzuhalten,
ihr alle seid vergängliche Gestalten.
Ich will euch nur eins wagen, zu sagen,
ihr besitzt mich nicht
und manchmal verstellt ihr mir die Sicht,
das Eigentliche zu erkennen
und den Unterschied zu benennen,
damit ich ihn dann überwinden kann.

[Und Paulus sagt: Fortan sollen die, die Frauen haben, 
sein, als hätten sie sie nicht; 
Darum erlauben Sie mir ein Wort...]
An alle ich-kann-ohne-dich-nicht-leben-Gefühle,
an alle niemals-werd-ich-dich-verlassen-Schwüre,
an alle Wohltaten mit Händen, von Herzen, aus Mündern,
an alle Klammeraffen und die Liebeswaffen,
an alle Lavendeldüfte und an die schwingende Hüfte:
Ich will euch nur eins wagen, zu sagen,
ihr besitzt mich nicht
und manchmal verstellt ihr mir die Sicht,
das Eigentliche zu erkennen
und den Unterschied zu benennen,
damit ich ihn dann überwinden kann.

[Und Paulus sagt: Die weinen, sollen sein als weinten sie nicht. 
Und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; 
Darum erlauben Sie mir ein Wort...]
an alle Tränen, die ich weine – laut oder leise
an alle Traurigkeiten – jede auf ihre Weise,
an alle roten Augen und tiefen Trauerseen,
an alle Staudämme, die dennoch übergehen,
an alle Tode, die kommen und Gesten, die verwehen,
An alle Witze und jede Gelächterspitze,
an jedes Chillen in der Mittagshitze,
an alle Lacher in den Träumen und alle Gluckser unter Bäumen,
an alle Schnäpse und Weine und Biere,
an alle Lachfaltentiere:
Ihr alle tut weh und ihr tut gut und seid doch nicht alles.
Ich schaue euch nach und will euch dennoch wagen, zu sagen:
ihr besitzt mich nicht
und manchmal verstellt ihr mir die Sicht,
das Eigentliche zu erkennen
und den Unterschied zu benennen,
damit ich ihn dann überwinden kann.

[Und Paulus sagt: Die kaufen, [sollen sein] als behielten sie es nicht, 
und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht; 
Darum erlauben Sie mir ein Wort...]
An alle Hände die greifen und gieren,
an alle Augen, die auf das des anderen stieren,
an alle T5, A6 und Maibach-Sammler,
an alle iPhone, Macbook und X-Box-Gammler,
an alle Platinkarten, Banknoten und Rabatte,
an jede Fliege, jeden Zylinder, jede Krawatte:
ihr besitzt mich nicht
und manchmal verstellt ihr mir die Sicht,
das Eigentliche zu erkennen
und den Unterschied zu benennen,
damit ich ihn dann überwinden kann.
[Mit Dank für Inspiration und Teile des Textes an Vikar Peter Nitsch (ev), am 21.10.2012 im Kirchenzentrum Meschede; predigtpreis.de]

Denn das Wesen dieser Welt vergeht, weil alles in ihr vergeht.
Beziehungen vergehen. Traurigkeit vergeht.
Lachen vergeht. Dinge vergehen.
Alles vergeht. 
Auch ich. 
Wenn mein Herz an allen diesen hängt, wird es vergehen, 
wie alles vergeht und die Liebe auch.
Was bleibt?

Wenn Gott nicht wäre, dann gäbe es nichts 
– zumindest nichts nennenswertes, das einen Unterschied machte.
Gott aber macht einen Unterschied.

Oder anders: die Ordnung der Liebe baut Brücken und keine Mauern.
Und Gott unterschied das Licht von der Finsternis 
und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. 
Da überwand das Licht die Finsternis 
und es ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
Wir könnten es Reich Gottes nennen, 
es machte einen Unterschied.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, 
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
Amen.


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