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Predigt zu Johannes 3 am Sonntag Reminiszere 2019


Es ist wohl eines der denkwürdigsten Gespräche, die uns berichtet werden. Ein Nachtgespräch. Düster-dunkle Atmosphäre. Totenstille. Und Nikodemus, ein gelehrter Jude, nutzt den Schutzmantel der Dunkelheit, um mit Jesus zu sprechen. Doch Nikodemus, der Gelehrte, kommt in diesem Gespräch kaum zu Wort. Hauptsächlich spricht Jesus. Er spricht von sich – auch wenn Nikodemus das noch nicht wissen kann. Jesus spricht von der Vergangenheit, der Gegenwart und vor allem von der Zukunft:
14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
Doch es ist eine Rettung mit Hindernissen: denn...
19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht ...
Wir wissen nicht, wie sich die beiden am Ende verabschiedet haben. Das berichtet Johannes nicht. Vielleicht war es aber so, dass Nikodemus sich den letzten Satz Jesu zu Herzen nahm:
21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit jeder sehen wird, dass seine Werke in Gott getan sind.
Und dann, dann könnte Nikodemus wieder im Schatten der Dunkelheit verschwunden sein...
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Wissen Sie wogegen Sie sind?
Ich meine, man kann ja gegen vieles sein.
Manche sind gegen Atomkraft, andere gegen Kohleenergie.
Manche sind gegen Klimaerwärmung, andere halten das für Quatsch und sind gegen die, die gegen Klimaerwärmung sind.
Manche sind gegen die Politik, wie sie gemacht wird. Gegen Trump, Putin, Erdogan und wie sie alle heißen. Auch gegen Merkel.
Manche sind gegen Gewalt. Und so weiter und so sofort.
Man kann gegen vieles sein.
Ich persönlich, ich bin gegen Mücken. Immer besonders im Sommer. Sonst geht’s.

Schwieriger wird’s, wenn ich gefragt werde, wofür ich bin.
Ich meine, wenn ich gegen etwas bin, muss ich ja eigentlich im gleichen Atemzug auch für etwas anderes sein. Aber das ist oft gar nicht so einfach.
Darüber muss ich mir oft mehr Gedanken machen.
Immerhin muss ich mir dann auch immer gleich überlegen, wie ich etwas für das tun kann, für das ich bin.
Ich kann zum Beispiel für Klima- und Umweltschutz sein, aber damit ist noch nicht viel getan.
Erst wenn ich auch mein Leben danach ausrichte, auf Billigflüge verzichte, auf Plastemüll und schlechte Produktionsbedingungen von verschiedenen Produkten, nimmt das auch Gestalt an.
Oder ich bin für gute, menschennahe und nachhaltige Politik, dann muss ich mindestens auch wählen gehen oder mich selbst engagieren, damit diese Politik auch sichtbar wird.

Dagegen sein ist schnell gesagt. Aber für was bin ich dann? Das fordert mich heraus.
Ich persönlich bin ja gegen Mücken. Dann müsste ich wohl andererseits für Spinnen und Kröten sein. In der Regel versuche, keine Spinnen zu töten, wobei ich bisher bereits festgestellt habe, dass das Hinaustragen von Weberknechten in der Pfarrwohnung eine echte Sisyphusarbeit ist – sie sind überall. Naja, und mein Einsatz für Kröten hat bisher auch nicht besonders weit gereicht.
Ich denke ehrlich gesagt auch recht selten über mein persönliches Krötenengagement nach. Es raubt mir schon gar nicht den Schlaf. Auch dann nicht, wenn mich im Sommer nachts die Mücken piesacken. Da liegt es mir dann doch näher, die Übeltäter zu jagen und einfach gegen sie zu sein.

Den alten Nikodemus muss damals auch etwas gepiesackt haben, als er zu nachtschlafender Stunde durch die Dunkelheit schlich und Jesus suchte. Vielleicht sollte es nicht ruchbar werden, dass einer wie er, einer von den Angesehenen unter den Juden, einer der Gelehrten, Jesus aufsucht. Jesus, der von vielen aus der jüdischen Oberschicht für einen Hochstapler und noch mehr für einen Aufrührer und Unruhestifter gehalten wurde. Besser also, so jemanden im Schutz der Nacht zu besuchen. Ich glaube, Nikodemus wollte es damals gern genauer wissen. Er wusste, dass viele seiner Gelehrtenkollegen gegen Jesus waren. Doch Nikodemus war noch nicht entschieden. Er wusste nicht, ob er für oder gegen Jesus war. Irgendetwas war dran, an dem, was dieser Mann sagte und tat.
Ob das Gespräch so verlaufen ist, wie Nikodemus sich das vorgestellt hatte, lässt sich heute wohl nicht mehr sagen. Aber wenn ich den Anfang des Gespräches lese, wo Jesus von Neugeburt redet und Nikodemus wie ein Schuljunge ganz verständnislos nachfragt, wie das denn gehen soll, dass ein alter Mann wie er noch einmal geboren wird, dann bekomme ich schon den Eindruck, dass sich Nikodemus etwas anderes vorgestellt haben könnte.
Und ich bin sicher, dass Jesus das merkte. Denn er setzt neu an und erzählt nun von einer Geschichte, die auch Nikodemus gut kannte: von Mose, der in der Wüste eine aus Erz gefertigte Schlange an einem Stab aufrichtet. Und dann spricht er davon, dass mit ihm das Gleiche geschehen würde, also mit Jesus. Aber das verstand Nikodemus damals sicher noch nicht. Das verstanden ja noch nicht einmal die engsten Freunde Jesu.
Aber was Nikodemus verstanden haben könnte: dass es um einen Perspektivenwechsel geht.
Das Volk Israel wurde in der Wüste von einer schlimmen Schlangenplage befallen. Die Leute hatten Mühe, den Schlangen am Boden auszuweichen. Viele sind diesen garstigen Schlangen zum Opfer gefallen. So lange, bis Mose die aus Erz gefertigte Schlange an einem Stab befestigte, in die Höhe streckte und alle, die diese Schlange an diesem Stab ansahen, von den Schlangen am Boden nicht länger behelligt wurde. Es war auch eine Schlange an diesem Stab. Aber der Blick in den Himmel änderte die Perspektive der Menschen. Ein Perspektivenwechsel.
Ich kann in meiner eigenen Finsternis verwoben und gehalten sein, oder ich kann den Blick aufheben, weg von meinen Füßen, wo ich nichts mehr sehe als mich selbst und die Bedrohungen, denen ich ausgesetzt bin.

Ein Beispiel:
Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Pinnwand vor sich. Sie haben eine Schachtel Reißzwecken, eine Kerze und ein Feuerzeug. Wie bringen Sie die Kerze an der Pinnwand zum Brennen?
...
(Lösung: Schachtel Reißzwecken leeren, an die Pinnwand pinnen, Kerze reinstellen, fertig.)

Nicht so einfach, wenn ich nicht alles in den Blick nehme, was ich habe. Nicht so einfach, wenn mein Blick verengt ist auf die Schlangen am Boden, die drohen, mich zu beißen.
Aber wenn ich aufschaue, dann sehe ich vielleicht, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt. Dass da noch andere Menschen sind, die meine Probleme teilen, und dass hinter und über all diesen Problemen noch ein Himmel ist, aus dem Licht kommt, das die Dunkelheit besiegt. Und dass der Kitt, der Himmel und Erde zusammenhält, die Liebe ist.

Und deshalb glaube ich, dass Jesus damals im Gespräch mit Nikodemus dieses Beispiel wählte – von Mose und der ehernen Schlange an einem Stab. Nur, dass das Kreuz, an das Jesus gehen musste, vielleicht das bessere Symbol dafür ist.
Das Kreuz, die schlimmste Erniedrigung des Menschen zur Zeit der Römer. Spott und Schande und Leid, vereint am Kreuz. Und doch gibt es kein besseres Symbol für unseren Glauben.
Uwe Altmann hat mir zur Grußstunde nach meiner Ordination dieses kleine Taschenkreuz geschenkt. Und er sagte dazu, dass ein Balken die Verbindung zwischen uns Menschen zeigt und ein Balken, die zu unserem Gott. Das ist das Kreuz. Es markiert die Stelle, wo Himmel und Erde sich begegnen. Ein Balken quer, von Mensch zu Mensch. Ein Balken vertikal, von Mensch zu Gott. Und wo sich diese Linien Kreuzen, dort finden wir Christus. Es ist auch ein Mensch der dort hängt, aber er verändert die Perspektive.
Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Und dann ist es eigentlich nicht mehr so schwer. Dann kann ich immer noch gegen vieles sein.
Aber wenn ich für Jesus bin, den Sohn der Liebe Gottes, dann heißt das, dass ich Gott liebe und alle Menschen wie mich selbst. Denn wer Gott liebt, muss alle die lieben, die Gott liebt: nämlich alle anderen und sich selbst. Und dann bleibt mir nur, auch danach zu handeln. Oder wie Johannes das schreibt:
Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit jeder sehen wird, dass seine Werke in Gott getan sind.


Ich stelle mir vor, dass es über das Gespräch von Jesus und Nikodemus Tag wurde, und Nikodemus ging nach Hause, nicht in der Finsternis der Nacht, sondern am helllichten Tag, im Licht, berührt von der Liebe, die der Kitt ist, der Himmel und Erde zusammenhält.


Und der Friede Gottes, der höher und kräftiger ist als alles, was wir verstehen können, schenke unseren Herzen und Sinnen Ruhe in Christus Jesus, unserem Herren. 
Amen.

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