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Sonntag Exaudi 2019 - Predigt zu Eph 3, 14-21



Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

14 Noch einmal: Das ist der Grund, weshalb ich vor dem Vater meine Knie beuge.
15 Jedes Volk im Himmel und auf der Erde erhält seinen Namen von ihm.
16 Er soll euch so ausstatten, wie es dem reichen Schatz seiner Herrlichkeit entspricht:
Durch seinen Geist soll er euch in eurer innersten Überzeugung fest machen.
17 Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen.
Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt bleiben und unerschütterlich an ihr festhalten.
18 Sie in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe zu erfassen – dazu sollt ihr befähigt werden
zusammen mit allen Heiligen.
19 Und ebenso dazu, die Liebe von Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt.
So werdet ihr Anteil bekommen an der Gegenwart Gottes, die alles erfüllt.
20 Dank sei Gott, der die Macht hat, unendlich viel mehr zu tun – weit mehr als alles,
das wir von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So groß ist seine Macht, die in uns wirkt.
21 Er regiert in Herrlichkeit in seiner Gemeinde – das heißt: in der Gemeinschaft derer, die zu Christus Jesus gehören. Das gilt für alle Generationen auf immer und ewig.
Amen.
(Epheser 3, 14-21)
______________


Da steht er nun. 30 Jahre macht er diesen Beruf schon, aber so etwas hat er noch nicht gesehen. Wie immer, hat er den Zollstock am Mann. Es ist wohl eines seiner liebsten Werkzeuge. Man kann so ziemlich alles damit messen und am Abend, wenn die Messen gelesen sind, dann lässt sich auch das eine oder andere Bier im Handumdrehen mit dem Zollstock öffnen.
Aber hier, hier ist der Zollstock völlig nutzlos.
Viel zu groß ist das, was er vor sich sieht.
Missmutig legte er eine Hand an die Tasche seiner Hose, in der der Zollstock immer sitzt und blickt sich um, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Aussichtslos. Das mussten mehrere hundert Meter in Länge und Breite sein, die hier ausgehoben wurden. Die Schalung für dieses Fundament lässt sich nicht mit einem Zollstock ermessen, das war klar.
Er kann hier die Breite, Länge, Tiefe und Höhe nicht ermessen.
Nein. Das geht zumindest nicht einfach so.
Vielleicht war es dem Schüler des Paulus ähnlich ergangen, als er im Gefängnis saß, damals, vor knapp 2000 Jahren, und den Brief an die Epheser, an die Christen in Ephesus schrieb.
Die Liebe dessen, von dem er ihnen schrieb, die muss unermesslich sein – in ihrer Breite und Länge und Tiefe und Höhe nicht zu messen, nicht zu fassen.
Dabei waren die Ereignisse um Jesus nicht erst gestern gewesen. Christi Himmelfahrt war nicht erst wenige Tage her.
Selbst sein Lehrer, Paulus, hatte es nicht mehr erlebt – dieses Wechselbad der Gefühle, das die Freunde Jesu durchgemacht haben mussten, als Jesus erst jämmerlich am Kreuz starb, dann auf einmal wieder da war, um sie 40 Tage später aber wieder zu verlassen. Da half es wohl auch wenig, dass er ihnen sagte: „Wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. […] Wenn er kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in Wahrheit leiten.“
Wie sollte ein Mensch sich das vorstellen?
Die Freunde Jesu waren sicherlich verwundert zurückgeblieben, als Jesus sie auf wundersame Weise am Himmelfahrtstag endgültig verließ – zumindest so, dass sie ihn nicht mehr sehen oder berühren konnten.
Das ging nicht mehr. Und es sollte geschlagene 10 Tage dauern, bis es ihnen endlich vom Kopf ins Herz rutschte – dann wurde Pfingsten, Pentecoste, 50 Tage nach Ostern heißt das, der Geburtstag der Kirche, den wir am nächsten Sonntag feiern.

Dazwischen, an Tagen wie diesen, wie heute, als noch nicht Pfingsten war, könnten die Freunde noch ungewiss miteinander gebetet haben:
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; verbirg dein Antlitz nicht vor mir.“
So haben wir es miteinander vorhin im Psalm 27 gebetet.
Und es war ja so.
Er hatte sein Antlitz verborgen. Er war nicht mehr zu sehen, der Herr.
Aufgefahren in den Himmel. So sprechen wir im Glaubensbekenntnis.
Bis dann endlich die neue Begeisterung Einzug hielt – bis die Freunde Jesu vom Geist ergriffen wurden, wie ein Feuer und ein Sturm zugleich, der sie aus ihren Kammern heraus auf die Straßen trieb und sie wortwörtlich ihren Mund nicht mehr halten konnten, weil ihnen die Worte daraus übergingen und sie in Jerusalem die Straßen herauf und herunter davon erzählen mussten, was sie mit Jesus erlebt hatten; und dass die Sache Jesu weitergeht.
Aber wie konnte man sich das vorstellen?

Als der Schüler des Paulus vor knapp 2000 Jahren, Jahre nach diesen Ereignissen in Jerusalem, im Gefängnis saß und diesen Brief schrieb, den wir heute noch als Epheserbrief kennen, da versucht er sich das vorzustellen – er schreibt:
Durch seinen Geist soll er euch in eurer innersten Überzeugung fest machen.
17 Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen.

Wer die tiefe, innere Überzeugung teilen kann, dass Liebe nicht nur ein Wort ist, sondern dass Liebe etwas ist, dass von Gott kommt und die Menschen und die Welt mit ihnen verändern kann, der glaubt.
Und wer glaubt, der hat Christus im Herzen – und der kann ihm begegnen, überall, in allem, was in Liebe getan und gesagt wird.

So schreibt der Schüler weiter: Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt bleiben und unerschütterlich an ihr festhalten.

Wenn ein Mensch sich auf einen Berg, gegenüber einer Stadt setzt und um jeden einzelnen Menschen in ihr und um das Schicksal dieser Stadt bitterlich weint, dann kann ich die Liebe, die ihn bewegt, kaum ermessen.

Wenn ein Mensch sich vor einen anderen stellt, weil es dieser Frau an den Kragen gehen soll – und er die Menge umher anschreit: „Wer von euch ohne Schuld, der werfe den ersten Stein!“ Dann kann ich die Liebe, die diesen Menschen antreibt, kaum ermessen.

Das ist 2000 Jahre her. Das wird uns in den Evangelien von Jesus erzählt.

Aber wenn ein Mensch einen gelähmten Bruder hat, dessen größter Wunsch es ist, einmal am Iron-Man-Wettbewerb teilzunehmen und dieser Bruder hart trainiert, um sich dann eines Tages seinen gelähmten Bruder vor das Fahrrad zu schnallen, ihn durch das Wasser zu ziehen und schließen in einem Rollstuhl vor sich her zu schieben, bis ins Ziel des Iron-Man;
oder wenn ein Mensch alles dafür her gibt, dass Kinder in Hamburg, die ohne Eltern aufwachsen müssen, ein Zuhause haben; und wenn daraus die Diakonie entsteht, die wir bis heute kennen;

es gäbe noch viele andere Beispiele, die ich nennen könnte, die nicht schon 2000 Jahre her sind, sondern viel weniger – die gestern erst passiert sind oder heute, gerade jetzt passieren – die alle in diesem Geist geschehen, der damals kam, als Jesus ging, und die von einer Liebe erzählen, deren Breite und Länge und Tiefe und Höhe ich nicht ermessen kann.

Es geht nicht nur darum, was wir füreinander oder aneinander tun, es geht auch darum, was wir voneinander denken – es geht um den Geist.

Und der Psalm 27 endet mit den Worten: „Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen. Harre auf den Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre auf den Herrn!“

Es gibt sie noch, diese Liebe – nicht erst im Himmel, der kommt, sondern schon jetzt, in diesem Land, mitten unter uns lebendigen Menschen.
Und sie trägt immer noch, wie sie vor 2000 Jahren getragen hat; sie begeistert Menschen und treibt sie auf die Straßen, dass ihnen der Mund von Worten übergeht und sie nicht schweigen können; und sie zumindest ein bisschen dazu fähig werden...
18 Sie in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe zu erfassen [...]
19 Und ebenso dazu, die Liebe von Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt.
So werdet ihr Anteil bekommen an der Gegenwart Gottes, die alles erfüllt.

So schrieb es der Schüler des Paulus damals im Gefängnis auf.
Aber das ist lange her.


Und nun, da steht er. 30 Jahre macht er diesen Beruf schon, aber so etwas hat er noch nicht gesehen. Wie immer, hat er den Zollstock am Mann.
Aber hier, hier ist der Zollstock völlig nutzlos.
Viel zu groß ist das, was er vor sich sieht.
Nein, auch nach 30 Jahren auf dem Bau kann ein Zollstock nicht mehr messen, als die zwei Meter, die seine Skala eben hergibt. Mit ein bisschen Geschick kann ich damit schon auch noch 4 oder 6 oder 8 Meter messen, aber mehrere hundert Meter werden einfach zu einer unübersichtlichen Herausforderung.

Doch der Maurer, der dieses unsagbar große Fundament schalen soll, weiß, dass es heute Vermessungstechniker gibt, die mit einem Laser wohl so ziemlich alles ausmessen können – völlig mühelos.

Vor 2000 Jahren undenkbar. Unvorstellbar. Und heute doch wahr.
Die Welt verändert sich.

Und wenn der Maurer heute vor etwas steht, das er so noch nie gesehen hat, und dessen Breite, Länge, Höhe und Tiefe er nicht ermessen kann, dann weiß er, dass es einen gibt, der mehr kann als er mit seinem kleinen Zollstock.

Ich bin kein Maurer. Aber ich weiß wohl, dass es einen gibt, der mehr kann, als ich zu ermessen vermag... darum bin ich Pfarrer:
20 Dank sei Gott, der die Macht hat, unendlich viel mehr zu tun – weit mehr als alles,
das wir von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So groß ist seine Macht, die in uns wirkt.
21 Er regiert […] in seiner Gemeinde – das heißt: in der Gemeinschaft derer, die zu Christus Jesus gehören. Das gilt für alle Generationen auf immer und ewig.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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