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Fragment der Zukunft

Jeden einzelnen Tag entsteht Vergangenheit.
Wir lassen Vergangenheit zurück.
Ruinen. Fragmente.
Immer neue Bruchstücke türmen sich auf,
zum Steinbruch der Vergangenheit.
Ein vergangenes Jahr liegt hinter uns,
ein neues breitet sich vor uns aus.
Hinter uns Ruinen und Fragmente.
Vor uns ungewisse Zukunft. Dazwischen wir.
Eines dieser unzähligen Fragmente,
bleibt nach jedem Weihnachtsfest zurück.
Weihnachten ist vergangen.
Die Heilige Familie längst auf und davon.
Nur der Stall, bleibt zurück.
Doch jedes Fragment – jedes Bruchstück der Vergangenheit –
ist gleichermaßen auch Fragment der Zukunft.
Vergangenheit hinter uns, Zukunft vor uns – Fragmente.
[Henning Luther nannte sie:
Keime der Zeit, deren Wesen Sehnsucht ist
und die auf Zukunft aus sind
(Religion und Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts, 1992).]

Weihnachten, eine Ruine der Vergangenheit – in vielerlei Hinsicht vielleicht.
Und ein Fragment der Zukunft.
Der Stall, eine Ruine der Vergangenheit –  mit Sicherheit gar.
Aber ein Fragment der Zukunft?



Ein junger Hirte saß
noch ganz benebelt vom Taumel der Unglaublichkeiten
und wunderbaren Begegnungen der vergangenen Tage
auf dem Feld, unweit des Stalles.
Da war gewiss etwas ungeheuerliches geschehen.
Fassen konnte er es noch nicht.
Als wäre eine Geburt nicht schon genug,
als würde neues Leben nicht schon von
der Zukunft erzählen, kam der Himmel auf die Erde;
kamen Hohe und Niedrige zusammen
und freuten sich des Lebens,
wegen dieses neuen Lebens.
Das überstieg alles,
was der junge Hirte zu verstehen im Stande war –
aber es überstieg wohl nicht nur seinen Verstand.
Mächtige und Ohnmächtige
nebeneinander – Gleiche unter Gleichen.
Du und Ich.
Einer der Könige, die an den Futtertrog kamen,
um sich am Strahlen dieses kleinen Lebensquells zu laben,
hatte ihm im Gehen eine Goldmünze in die Hand gedrückt.
Eine Goldmünze.
Davon konnte er wohl – in seinen bescheidenen Umständen –
ein Jahr, vielleicht zwei, gut leben.
Ein Anderer der reichen Leute hatte im Gehen nur flüsternd
einen Satz gesagt: „Mache dich auf, werde licht;
denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“
Immer wieder ließ er die Münze durch seine Finger gleiten,
während er seine kleine Herde neben sich
beinahe nicht mehr beachtete,
sondern unbeirrt auf den Stall sah –
als strahle aus den Ritzen dieser zugigen Hütte noch
immer der Glanz ungewagter Träume von einer Zukunft,
in der sich nun wirklich etwas ändern könnte.
Wie der junge Hirte unablässig
die Fragmente der Erinnerung anschmachtete,
die ihm beim Anblick des kleinen Stalles überkamen,
kamen schnaubende Schritte eilig näher.
Der Dienstherr des Hirten war bereits
den ganzen Tag auf der Suche nach ihm.
Nun, die erdige, abgegraste Weise erblickend,
trat er vor den Hirten und schrie
und fauchte, was dieser sich denn denke und erlaube.
Ob er noch bei Sinnen sei
und seines Verdienstes gänzlich überdrüssig...
Der junge Hirte erhob sich eilig,
nahm seinen Stab und machte sich daran,
die Herde zu treiben.
Als er so die ersten Schritte tat,
die Hürden beiseite trug und noch immer,
wie aus einem Nebel, das Gezeter des Herren vernahm,
dachte er so bei sich:
‘Jetzt neu beginnen!
Den Stab vor die Füße des Alten werfen, lachen und gehen.
Mache dich auf…
Dem Leben munter in den Rachen greifen
und sehen, was die Hand zu fassen bekommt.’
Doch ehe er sich's versah,
glitt beim Tragen der Hürden das Goldstück aus seiner Hand
und glänzte kräftig im Sonnenlicht.
Das Gezeter des Herren verstummte.
Der Herr nahm das Goldstück,
ohne ein weiteres Wort zu verlieren und ging davon.

Nein, manche Träume bleiben berechtigt ungewagt.
Manche Träume sind zu kühn.
Manche Zukunft wird nicht kommen,
so sehr sie auch erhofft sein mag.
So ging die Zeit dahin.
Alles blieb, wie es gewesen.
Auch die Fragmente der Vergangenheit,
die Fragmente der Erinnerung wurden.
Und der nicht mehr ganz so junge Hirte dachte bei sich:


‘Ich bin Ruine meiner Vergangenheit;
Fragment zerbrochener Hoffnungen,
verronnener Lebenswünsche,
verworfener Möglichkeiten,
vertaner und verspielter Chancen.
Ich bin Ruine aufgrund meines Versagens
und meiner Schuld
ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen,
erlittener Verluste und Niederlagen.
Das ist der Schmerz des Fragments.’ [nach Henning Luther]
Doch jedes Fragment ist Fragment der Zukunft...
Zurückgelassene Bruchstücke,
die Grundsteine werden...


Immer, seit jenem Tage,
ging ihm der Satz nicht aus dem Sinn,
der so leise an sein Ohr gehaucht:
„Mache dich auf, werde licht;
denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“
Jahre vergingen, der junge Hirte war grau geworden
und hatte viele Herren kommen und gehen sehen –
so wie die Schafe seiner Herde –,
da saß er nachts bei den Hürden und sah in den Himmel.
Die Nacht schwieg wie er,
als ein Schrei die unschuldige Ruhe der Nacht durchdrang.
Er riss den einstmals jungen Hirten jäh aus seiner Andacht und
fuhr wie ein Schmerz in seine Glieder,
dass er aufsprang und sich umsah.
Unweit, auf dem Hügel,
eilte der schwarze Schatten eines stolzen Rosses davon.
Ein anderer Schatten lag regungslos am Boden.
Er nahm seinen Stab, wie er immer seinen Stab nahm
und ging der ungewissen Dunkelheit entgegen.
Er fand den neusten seiner vielen Herren durch die Zeit –
einer junger Mann von kaum 30 Jahren –
schwer gestürzt und regungslos am Boden.
Sonst trat der Hirte tief gebeugt vor diesen jungen Herren,
um um seinen spärlichen Lohn zu bitten.
Jetzt lag der Herr mit dem Haupt im Staube zu seinen Füßen.
Und nun?
Nicht dem Leben in den Rachen,
aber dem Herren in die Taschen greifen?
Neu beginnen?
Die Gedanken rasten.
Da erst blickte sich der altgewordene Hirte um
und sah den alten Stall.
Kaum mehr eine Latte hielt die Wände beieinander,
das Dach war dünn geworden,
morsch und löchrig.
Ein alter Haufen trockenen Strohs
glänzte durch die offenen Wände.
Keine Tür hatte dieser Ort mehr.
Nur ein Dach und eine Geschichte.
Eine Ruine der Vergangenheit.
Unwillkürlich kam dem Hirten wieder in den Sinn,
was ihn ein Leben lang nicht losgelassen hat –
die Fragmente jener Nacht: zerbrochene Hoffnungen.
Dennoch: Hoffnungen.


Er griff den jungen, ohnmächtigen Herren bei den Füßen
und zog ihn in den Stall,
legte ihn auf das Stroh,
tat ein Holz unter die Füße,
entfachte ein kleines Feuer,
nahm sein Fell von den Schultern,
legte es über den Ohnmächtigen und setzte sich.
Zeit verstrich.
Das kleine Feuer wurde Glut
und der Mond zog über den alten Stall hinweg.
Da erwachte der junge Herr und blickte sich um.
Als er den alten Hirten sah,
musterte er ihn und fragte schließlich:
Seid ihr nicht einer meiner Hirten?
Der Alte wandte sich bedächtig zu dem Jungen,
als er leise sagte:
Heute Nacht, sind hier nicht Herren und Hirten.
Heute Nacht sind es du und ich.
Da griff der junge Mann in seine Tasche,
zog etwas hervor und legte es dem alten Hirten in die Hand.
Dann sank sein Haupt zurück ins Stroh.
Der Alte blickte gar nicht hin.
Sanft ließ er es durch seine Finger gleiten.
Und plötzlich erschien das Gesicht
des jungen Königs von damals ganz klar vor ihm –
als wäre es gestern gewesen, nein,
als wäre er hier.


Manchmal kehren Orte wieder;
kehren Hoffnungen, Lebenswünsche,
Möglichkeiten und Chancen wieder.
Durch Versagen, Schuld, Verletzungen,
Verluste und Niederlagen hindurch
tragen Fragmente den Keim der Zeit:
Sehnsucht und Zukunft.
Der Stall: eine Ruine der Vergangenheit
und ein Fragment der Zukunft.

Manche mögen heute sagen,
die Kirche sei eine Ruine der Vergangenheit.
Ich denke, sie ist ein Fragment der Zukunft –
in Sehnsucht auf Zukunft aus.

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