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Sonntag Trinitatis 2019 - Predigt zu 2. Kor 13


"Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen."

11 Zuletzt, Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. 12 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. 13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!


Der heilige Kuss... ein ganz besonderer Kuss...
Erinnern Sie sich noch an ihren ersten Kuss?
Wie war das für Sie, als die Schmetterling durch den Bauch rasten, die Hände schweißnass, das Gesicht hochrot. Erinnern Sie sich noch?
Es ist eine schöne Erinnerung – für viele zumindest, stelle ich mir vor.
Allerdings muss ich eingestehen, dass mir doch ein bisschen mulmig zumute wird, wenn ich mir vorstelle, dass ich Sie alle miteinander und wir uns alle untereinander auf diese Weise begrüßen sollen...
Oder was meint Paulus, wenn er schreibt: „Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss.“?
Ich erinnere mich noch gut, wenn in irgendeinem 20:15 Uhr Fernsehfilm eine intensive Kussszene gezeigt wurde, dann hatte mein Vater früher immer die Angewohnheit, sich darüber aufzuregen. „Muss denn das jetzt sein?“ fragte er dann; und manchmal schaltete er sogar um.
Wenn ich daran denke, dass wir uns alle hier küssen sollen, dann liegt mir schon auch die Frage meines Vaters auf den Lippen: „Muss denn das jetzt sein?“

Der heilige Kuss.
Es gibt ja viele Arten von Küssen: verzagt und vorsichtig, intensiv und leidenschaftlich; es gibt den Bruderkuss, den Kuss des Verräters Judas auf die Wange; es gibt den Kuss auf den Ring des Papstes, als Zeichen der Ehrerbietung, es gibt drei oder zwei Küsse auf die Wange zur Begrüßung, wie es in anderen Ländern Sitte ist.
Doch der heilige Kuss?

Eine alte Legende erzählt von zwei Menschen, die überaus glücklich miteinander lebten. Sie waren zufrieden, mit dem, was sie hatten und miteinander teilten. Stetig wuchs ihre Liebe in den Jahren ihres Zusammenlebens. An dieser Liebe konnten sie sich festhalten.
Eines Tages lasen sie in einem alten Buch, dass es irgendwo, in weiter Ferne, vielleicht am Ende der Welt, einen Ort gäbe, wo unermessliches Glück herrsche. Es sollte ein Ort sein, so sagte das alte Buch, an dem der Himmel die Erde küsst. Die beiden beschlossen, diesen Ort zu suchen. Der Weg war lang und voller Entbehrungen. Bald wussten sie nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs waren; doch aufgeben wollten sie nicht. Fast am Ende ihrer Kraft, erreichten sie eine Tür, genau so, wie sie im Buch beschrieben war.
Hinter dieser Tür sollte es sich befinden: Das Glück, das Ziel ihres Hoffens und Suchens.

Die Spannung war groß, geradezu zum greifen - wie wird er aussehen, der Ort, an dem der Himmel die Erde küsst?
Sie klopften an. Die Tür öffnete sich.
Sie fassten sich an der Hand und traten ein.

Da standen sie nun – verwundert, überrascht sahen sie sich um.
Sie waren wieder mitten in ihrer Wohnung.
Am Ende dieses langen Weges waren sie wieder bei sich Zuhause angekommen. Dort, wo sie einst losgegangen waren.
Und da verstanden sie:
Der Ort, an dem der Himmel die Erde küsst, ist der Ort, an dem die Menschen sich küssen.
Der Ort, an dem der Himmel die Erde berührt, ist der Ort, an dem Menschen sich berühren.
Der Ort, an dem der Himmel sich öffnet, ist der Ort, an dem Menschen sich füreinander öffnen.
Der Ort des großen Glücks ist der Ort, an dem Menschen sich gegenseitig glücklich machen.“ (www.hochzeit-trauung.de/wo-himmel-erde-kuesst.htm)

Ich habe das selbst schon erlebt. Nicht so wie in dieser Legende. Aber inhaltlich. Mehrfach.
Während der Kurse meiner Seelsorgeausbildungen, ist das immer wieder geschehen, ohne dass wir uns dort tatsächlich geküsst hätten, sind wir uns dort ganz nah gekommen, haben wir uns füreinander geöffnet und durften manchmal sogar erleben, dass es sich anfühlte, als würde jetzt, in diesem Moment, der Himmel die Erde küssen.
Das geht nicht einfach so. Das geht nicht von jetzt auf gleich.
Es ist vielmehr so, wie es der kleine Prinz vom Fuchs lernen musste:

»Guten Tag«, sagte der Fuchs.
»Guten Tag«, antwortete der kleine Prinz höflich, der sich umdrehte, aber nichts entdecken konnte.
»Ich bin hier«, sagte die Stimme unter einem Apfelbaum.
»Wer bist du?«, fragte der kleine Prinz. »Du bist sehr hübsch …«
»Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs. […Und nach einer Weile...] »Bitte … zähme mich!«, sage er.
»Das würde ich gern tun«, antwortete der kleine Prinz, »aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge lernen.«
»Man versteht nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der Fuchs.
»Was muss ich machen?«, sagte der kleine Prinz.
»Du musst sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du wirst dich zunächst mit einem kleinen Abstand zu mir in das Gras setzen. Ich werde dich aus den Augenwinkeln anschauen und du wirst schweigen. Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse. Aber jeden Tag setzt du dich ein wenig näher …«

Und so geschah es. Jeden Tag ein wenig näher. Bis sie schließlich Seite an Seite beieinander saßen und es ihnen schwer ums Herz wurde, als die Zeit gekommen war „Adieu“ zu sagen.

Der Ort, an dem der Himmel die Erde berührt, ist der Ort, an dem Menschen sich berühren.
Der Ort, an dem der Himmel sich öffnet, ist der Ort, an dem Menschen sich füreinander öffnen.

Was ist denn ein Kuss? Ein Kuss ist der Ausdruck einer Beziehung.
Ich mute mich zu. Ich mache mich verletzlich. Ich lasse ab von dem, was mich schützt. Wir spielen mit offenem Visier, sonst kann man sich nicht küssen. Ich mute dir zu, was ich bin und habe. Ich nehme dich an, wie du jetzt bist. Ich berühre dich – sinnlich – tatsächlich, denn die Haut meiner Lippen ist voller Nervenzellen und ausgesprochen empfindlich. Ich taste dich und spüre jede Regung. Ganz intensiv. Die Welt umher verliert für einen Moment an Bedeutung, denn jetzt und hier, da zählen nur du und ich.

Ich glaube, um uns so zu begegnen, müssen wir uns nicht küssen, wenn wir uns begegnen. Aber wenn wir uns so begegneten, dann wäre das wie ein heiliger Kuss.
Es wäre ein Miteinander unter uns, wie der Kirchenvater Augustin es über unseren dreieinigen Gott sagt: Da gibt es den liebenden Vater, den geliebten Sohn und die Liebe, die beide miteinander verbindet – das ist der Heilige Geist. Drei Personen und doch ein Gott: der Gott der Liebe und des Friedens.

Also, 11 Zuletzt, [liebe] Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
12 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.

[Und dann, wird es so sein, dass] 13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes [mit uns allen ist]!
Amen.

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